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Auf TikTok stellen junge Nutzer ihre unbezahlten Rechnungen zur Schau. Die Beträge reichen bis in den fünfstelligen Bereich. Es geht um gedankenloses Shopping – und eine Bezahlmethode, an der es große Kritik gibt.
Eine junge Frau posiert vor einem Spiegel, auf dem TikTok-Foto steht in weißen Buchstaben „Ich wette, niemand kann meine Klarna Schulden toppen“. Wenig später wechselt die Sequenz zu einem Screenshot, der die offenen Klarna-Rechnungen preisgibt – es sind fast 1115 Euro.
Unter dem Hashtag #KlarnaSchulden teilen junge Menschen TikTok-Videos, in denen sie ihre ausstehenden Zahlungen beim schwedischen Bezahlanbieter Klarna präsentieren. Mittlerweile hat das Suchwort über 35 Millionen Aufrufe. Zu den bekanntesten Beiträgen zählen die Kurzvideos der Nutzerin Lea Marie, die sich auf der Plattform „Learicheri“ nennt. Auf ihrem Profil, dem derzeit rund 32.600 Menschen folgen, erzählt sie von den Schulden, die sie in der Vergangenheit anhäufte: knapp 22.000 Euro.
Dass es so weit kam, begründet die 25-Jährige in einem Video mit einer Kaufsucht, die sie nach traumatischen Erfahrungen entwickelt habe. Das Geld habe sie ausschließlich für Mode ausgegeben. „Das sind bei mir ungefähr 22.000 Euro, die ich nur für Klamotten ausgegeben habe“, erzählte die junge Frau im April 2022 in einem Clip auf TikTok. Ihre Geschichte machte sie im Frühjahr dieses Jahres in den sozialen Medien öffentlich. Damit möchte sie andere Menschen aufklären und sie vor den Gefahren der Zahlungsmethoden „Buy now pay later“ (BNPL) sowie Ratenkauf warnen.
„Buy now pay later“-Methoden (auf Deutsch: „Kaufe jetzt, bezahle später“) ermöglichen es Konsumenten, Ware zunächst online zu bestellen und erst zu einem späteren Zeitpunkt zu bezahlen. In einigen Fällen kommen sie der klassischen Rechnung, die man von großen Online-Kaufhäusern wie Zalando kennt, gleich. Die klassische Variante wird laut eines Artikels der Verbraucherzentrale jedoch meist vom verkaufenden Online-Shop selbst zur Verfügung gestellt. Die BNPL-Funktion werde hingegen „in der Regel von Zahlungsdienstleistern wie Klarna oder PayPal angeboten“. Die Abwicklung der Zahlung übernimmt hier also nicht der Verkäufer, sondern der Dienstleister.
Offene Rechnungen müssen meist innerhalb von 14 oder spätestens 30 Tagen beglichen werden. Einige Anbieter ermöglichen es jedoch, das Zahlungsziel gegen einen Aufpreis zu verschieben oder den Betrag im Rahmen eines Ratenkaufs über einen längeren Zeitraum abzuzahlen. Auch Lea Marie nahm das Angebot in Anspruch. Begonnen habe alles im Jahr 2019, wie sie im Mai 2022 in einem YouTube-Video erzählt. Zwei Jahre später habe sie sich bei einer Schuldenberatung gemeldet. Heute zahlt sie den offenen Betrag ab – ohne Privatinsolvenz anmelden zu müssen. Die knapp 22.000 Euro Schulden machte die 25-Jährige bei unterschiedlichen Zahlungsanbietern und Onlineshops. Davon knapp 5900 Euro bei Klarna – von dem Unternehmen ist in ihren kurzen Clips besonders häufig die Rede.
Der schwedische Zahlungsanbieter wurde 2005 gegründet. Damals noch unter dem Namen „Kreditor“. 2009 folgte die Umbenennung in Klarna. Heute erinnert der Online-Auftritt des Dienstleisters auf den ersten Blick an den einer Lifestyle-Marke. Mit bunten Farben, Kampagnengesichtern wie dem Rapper Snoop Dog oder Influencern sowie der Werbekampagne „Komm mal Klarna“ und spitzen Werbesprüchen („Auf der Reeperbahn nachts um halb eins, aber deine Rechnungen eher so 5 vor 12?“) scheint das Unternehmen mit dem spießigen Image der Finanzbranche brechen zu wollen. In der Klarna-App finden sich kuratierte Produkte und Marken zu verschiedenen Themenwelten, darunter etwa „Partyzeit – Glitzer & Glamour“. Hinter der bunten Kachel verbergen sich funkelnde Kleider von H&M und Na-kd – Marken, die auf TikTok zuhauf von jungen Menschen in Outfitvideos präsentiert werden.
Auch in den Clips, die unter dem Hashtag #KlarnaSchulden zu finden sind, deuten Nutzer oft an, die offenen Rechnungen seien für den Kauf von Kleidung entstanden. Klarna selbst ist das Phänomen bekannt, wie ein Sprecher des Unternehmens auf Nachfrage mitteilte: „Wir beobachten mit Sorge, dass junge Menschen in Videos ihre Klarna-Rechnungen zeigen.“
Kritiker sehen bei Klarna Risiken für Verbraucher. Darunter auch Cindy Mergener, Senior Financial Consultant bei der Finanzplattform FinMarie: „Zunächst ist Klarna selbst ein Risiko, denn es gibt die Möglichkeit, das Zahlungsziel mehrfach zu verlängern oder es wird eine Ratenzahlung mit einem hohen Zinssatz vorgeschlagen.“ Auch kritisiert sie die niedrige Hemmschwelle des Zahlungsablaufs: „Der Prozess sollte komplizierter gestaltet werden, denn es sind ja wirklich nur zwei, drei Klicks.“ Zudem fehle beim Unternehmen eine Regulatorik, wie es sie bei klassischen Kreditgeschäften gebe. Sie wünscht sich weitere Mechanismen, etwa um das Einkommen zu prüfen: „Dafür könnte man beispielsweise eine Verbindung mit dem Konto herstellen, damit der Zahlungsanbieter sieht, welche Summen monatlich eingehen“, meint Mergener.
Klarnas Bonitätsprüfung wurde in der Vergangenheit bereits häufiger kritisiert. Oft heißt es, diese würde unzureichend durchgeführt werden. Der Zahlungsanbieter weist diese Vorwürfe jedoch von sich: „Wir führen bei jedem Kauf eine strenge Prüfung der Kreditwürdigkeit durch, damit wir nur an diejenigen Kredite vergeben, die diese auch zurückzahlen können. Die Nutzung von Klarna ist nicht garantiert.“
Die EU möchte den Onlinekauf mit „Buy now pay later“-Methoden nun stärker regulieren. „Im Gegensatz zu herkömmlichen Krediten ist für BNPL keine Kreditwürdigkeitsprüfung im Rahmen der Verbraucherkreditrichtlinie vorgeschrieben. Denn diese gilt nicht für Kredite unter 200 Euro oder solche, die innerhalb von weniger als drei Monaten zurückgezahlt werden“, schreibt „Business Insider“. In einem Gespräch mit dem Magazin sagte Malte Gallée, Mitarbeiter des EU-Parlaments, es gebe bei Krediten „viele ausbeuterische Praktiken“, weshalb es die EU-Verbraucherkreditrichtlinie brauche. Die derzeit gültige Richtlinie sei 2008 verabschiedet worden, Internet-Angebote seien dort noch nicht ausreichend berücksichtigt worden. In dieser Nische habe sich laut Gallée „mit ‚Buy now pay later‘ ein Verschuldungsproblem entwickelt“.
Doch auch die Verbraucher trügen Mitschuld, sagt Cindy Mergener: „Bei den jungen Menschen ist der Umgang mit Geld zu kritisieren. Oft wissen sie nicht, was es bedeutet, Anschaffungen, die Summe X kosten, zu machen und wie viel dafür eigentlich gespart oder gearbeitet werden muss.“ Sie fordert eine stärkere Sensibilisierung sowie Finanzbildung. Verbrauchern rät sie außerdem, sich monatlich Budgets zu setzen, aber auch, sich mit dem Gegenwert ihrer Ausgaben auseinanderzusetzen: „Wenn man beispielsweise einen Studienkredit aufnimmt, den man natürlich auch sehr lange zurückzahlen kann, hat man trotzdem einen Gegenwert. Tendenziell hat man mit einem Studium die Chance, später einen Job mit einem höheren Gehalt zu bekommen. Dasselbe gilt für den Kauf einer Immobilie. Man schafft also eine andere Grundlage als beim Kauf eines T-Shirts, das nach einem halben Jahr kaputt ist.“
Auf TikTok mehren sich die Videos unter dem Hashtag #KlarnaSchulden derweil. Zwischen der Zurschaustellung der offenen Rechnungen sind jedoch auch immer wieder Clips kritischer Nutzer zu sehen. Sie appellieren an einen vernünftigen Umgang mit den eigenen Finanzen – und mit „Buy now pay later“-Angeboten.

