Starr und ernst blickt das Augenpaar eines ergrauten Mannes in die Kamera. Hinter ihm ein Gemälde, das Johann Wolfgang von Goethe zeigt. Über beide legt sich die dunkle Silhouette einer Frau − es sind meine Umrisse. Ich nenne das Foto “Johann, Andy and I”, so als wäre es ein Abbild einer jahrelangen Freundschaft, eine Momentaufnahme einer glücklichen Zeit. Entstanden ist die Fotografie an einem regnerischen Samstag, den ich im Frankfurter Städel Musuem verbrachte und alleine durch das leere Untergeschoss irrte. Tatsächlich also zeigt das Bild einen einsamen Augenblick, Andy und Johann geben lediglich stumme Beobachter, freundschaftliche Emotionen und vertraute Wortwechsel bleiben aus.

Und überhaupt scheint der Austausch mit Freunden in meinem Leben derzeit unfassbar zu kurz zu kommen: Lange Gespräche bei zwei, drei Gläsern Wein, die das ein oder andere Mal vielleicht auch in einer Flasche endeten, mussten flüchtigen Whats-App Konversationen weichen. Lilafarbene Herzen, ein lächelnder Smiley, “Ich hoffe, es geht euch auch gut”, eben das, was sich auf zehn Zeilen sagen lässt. In ruhigeren Zeiten bleibt mitunter auch mal Zeit für eine Sprachnachricht, in 15 Minuten lässt sich zwar nicht alles aufholen, kurze Einblicke in das Leben der anderen gibt es aber doch. In diesen Minuten sitze ich dann lächelnd, mal empört, mal verwundert auf dem Sofa oder laufe die Straße entlang, während die Stimme einer Freundin durch meine Kopfhörer klingt. Ich fühle mit ihr mit, lausche ihren Worten, möchte ihr zustimmen oder einen Kommentar loswerden, doch ich spreche ihn lediglich in meinem Kopf aus, hebe ihn mir für meine nächste Antwort auf. Sie wird noch warten müssen, zu viele Termine haben sich in meine ohnehin schon vollen Tage geschoben.

Mit Ende 20 sei das eben so, sagen die vielen Artikel über Freundschaften im Erwachsenenalter, die ich auf Webseiten wie Manrepeller und Edition F gelesen habe. Manch einer bezeichnet uns sogar als freundschaftsunfähig, zu viel passiert im eigenen Leben, zu wenige Momente bleiben zum Teilen. Tatsächlich aber würde ich sehr gerne viel häufiger teilen, Stimmungsbilder meiner Freundinnen einfangen oder einfach nur reden bis der letzte Tropfen des viel zu süßen Weins geleert ist. Am Gefühl hat sich nämlich nichts geändert. Ganz sicher könnte ich jetzt, statt diesen Artikel zu schreiben, auch einfach zum Hörer greifen, in Hollywood-Manier ein großes Treffen organisieren und den Champagner kalt stellen, aber sind Taten wie diese jetzt überhaupt noch willkommen? Sind die Zwanziger heute nicht vielmehr dazu da, um uns selbst zu finden, zu verwirklichen, die übrige Zeit zu nutzen, um uns selbst zu begreifen?

Tiefe Freundschaften, die auch nach vielen Jahren unverändert sind, werden von Serien und Filmen als das Ultimum suggeriert, sorgen in der Realität aber nur für weitere Zweifel. Denn in einer Zeit, in der jeder von uns verzweifelt seinen Platz sucht, sich austestet, aber nie wirklich das Gefühl des Ankommens verspürt, scheinen pflegeintenisve Freundschaften gar unmöglich zu sein. Vielleicht sind wir also auch einfach zu sehr mit uns selbst beschäftigt, geben anderen Dingen zu wenig unserer kostbaren Zeit ab − schließlich sind wir es am Ende selbst, die sich für eine Zeit in einer leeren Kunsthalle entscheiden, um sich Menschen auf Fotos anzuschauen, die nur stumm zurückblicken.

Julia
Posted by:Julia